Mehr Als Nur Kopftuch Hülle In Fülle

Zeitgenössische Mode für Musliminnen ist längst auf dem Vormarsch. Nun zeigt ein Museum in San Francisco die schönsten Entwürfe.

Von Julia Rothhaas

Nichts zum Anziehen zu finden führt nicht zwangsläufig zu Frust, sondern kann kreativ machen. Meriem Lebdiri war zwölf, als sie sich an die Nähmaschine setzte. Bodenlang statt bauchfrei: Die Deutschalgerierin wollte sich anders kleiden als ihre Klassenkameradinnen, nachdem sie sich aus eigenen Stücken für das Tragen eines Kopftuchs entschieden hatte.

Als Wickelröcke in Mode kamen, nähte sie sich eine Version, in der das Bein nicht durch den Seitenschlitz blitzt. Und die Bluse von der Stange änderte sie so ab, dass sie sich darin wohlfühlen konnte. "Mir hat jahrelang Mode gefehlt, die zu mir passt", sagt die 31-Jährige. "Mit Kleidung von der Stange musste ich ewig herumprobieren, damit alles so saß, wie ich es wollte. Und importierte Kleidung aus dem Ausland kam für mich überhaupt nicht infrage, weil der Stil einfach nicht zu mir passt."

Heute hat Meriem Lebdiri ihr eigenes Label. "Mizaan" bietet Kleidung für Frauen, die sich gemäßigt und zeitgemäß kleiden möchten, genannt modest fashion: Hosen, die nicht am Po kleben. Oberteile, die bis zum Oberschenkel gehen. Hochgeschlossene Blusen mit langen Ärmeln. Bodenlange Kleider und Kopftücher, die zum Stil junger Frauen passen. "Modest Fashion ist für mich nicht nur mehr Stoff, sondern eine neue Stilrichtung, von der alle profitieren können", sagt Meriem Lebdiri.

Lebdiri ist eine der wenigen Modedesignerinnen in Deutschland, die explizit Mode entwirft für Frauen, die sich lieber dezent bedecken, als sich in zu enge Teile zu quetschen. Zu den Kundinnen von Mizaan und anderen Labels gehören allerdings nicht nur muslimische Frauen. Viele Jüdinnen, Christinnen und Frauen ohne Glauben zählen zum Käuferstamm ebenso wie Frauen auf der Suche nach anständiger Plus-Size-Mode. Sie alle verbindet ein großes Interesse an stilvoller Kleidung und der Wunsch, ihre Garderobe nicht ständig zusammenstückeln zu müssen.

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Muslimin sein und sich modern kleiden: kein Widerspruch für die „Generation M“.

(Foto: Habib Yazdi)

Spätestens seit 2015 ist Modest Fashion ein feststehender Begriff in der Modewelt, das Gegenstück zum altbekannten Sexy- und-halbnackt. Längst sind es nicht mehr nur die großen Couture-Häuser wie Dior oder Oscar de la Renta, die ihren wohlhabenden Kundinnen aus der arabischen Welt ihre Kreationen nach Wunsch umschneidern, damit sie den dortigen Vorstellungen entsprechen. Der Markt ist in den vergangenen Jahren deutlich zugänglicher und erschwinglicher geworden: Uniqlo etwa hat sich mit der britischen Designerin Hana Tajima zusammengetan, herausgekommen ist eine Kollektion mit fließenden Konturen, elegant in Schnitt und Farbe. H & M wiederum setzte im Frühjahr auf Seidenkaftane im Blumenprint und Tuniken mit weit schwingenden Ärmeln, wenn auch nur für den US-Markt. Auch Nike, Mango und Tommy Hilfiger haben den Modest-Markt für sich entdeckt, beim Online-Händler Net-a-porter gibt es zu Ramadan seit 2015 eine eigens dafür zusammengestellte Auswahl (so wie zuvor bei Donna Karan, Dolce & Gabbana, Burberry). Frauen aus 65 verschiedenen Ländern kaufen beim Retailer The Modist (von Ghizlan Guenez ebenfalls aus Frust über die Situation an der Kleiderstange gegründet), der ausschließlich dezente Kleidung von mehr als 100 Designern im Programm hat. Selbst Beyoncé geht mal in einer Abaya (einer Art Überkleid) aus. Beauty-Marken wie L'Oréal und Sephora werben mit Frauen, die ein Kopftuch tragen, seit 2017 gibt es eine Vogue Arabia und Modest Fashion Weeks in London, New York, Turin, Paris.

Dass alles ist natürlich kein Zufall. Vielmehr haben die Modeunternehmen entdeckt, wie viel Kaufkraft da versammelt ist. Laut dem Global Islamic Economy Report haben Muslime im Jahr 2016 weltweit 254 Milliarden US-Dollar für Kleidung ausgegeben, bis 2022 soll der Umsatz bei 373 Milliarden Dollar liegen. Das Pew-Forschungsinstitut rechnet bis 2030 damit, dass ein Viertel der Weltbevölkerung muslimischen Glaubens ist. Die Rechnung ist schnell gemacht.

Dass sich nun auch ein Museum für muslimische Mode interessiert, ist also nicht sonderlich überraschend, obgleich diese Ausstellung in dieser Größe die weltweit erste ist. Im De Young Museum in San Francisco, einem der bedeutendsten Museen der USA, läuft seit Ende September die Ausstellung "Contemporary Muslim Fashions" (ab Frühjahr 2019 im Museum für Angewandte Kunst in Frankfurt). Weil es weltweit so viele verschiedene Stilrichtungen und Vorstellungen innerhalb der muslimischen Welt gibt, werden Entwürfe von überwiegend jungen Designerinnen und Designern aus Europa, USA, dem Nahen Osten, Malaysia und Indonesien gezeigt.

Dian Pelangi ist so etwas wie das indonesische Wunderkind, ihre Stücke fallen mit ihrer Farbigkeit auch besonders ins Auge. Die 27-Jährige verbindet westliche Silhouetten mit den traditionellen Stoffen und Techniken aus ihrer Heimat, zum Beispiel wenn sie eine knielange Jacke aus thailändischer Seide mit Songket-Brokat aus metallisch schimmernden Fäden versieht. Oder die Entwürfe des malayischen Labels Fiziwoo: Es hat das Nationalgewand, den Kurung, durch aufgesetzte Taschen revolutioniert. So können Frauen nämlich Süßigkeiten und Geld während des Ramadan verteilen - eine Aufgabe, die dort bislang überwiegend den Männern zustand.

Noch politischer ist Slow Factory, das Label der libanesisch-kanadischen Designerin Céline Semaan Vernon. Auf ihren Seidentüchern steht in großen Lettern "banned", eine Reaktion auf Trumps Einreisestopp für Muslime; auf einer schwarzen Bomberjacke ist das First Amendment der amerikanischen Verfassung abgedruckt - allerdings in arabischer Schrift. Der Burkini von Nike ist ebenso zu sehen wie exklusive Leihgaben (Chanel, Gaultier, Valentino) von Musa bint Nasser al-Missned, der zweiten Ehefrau des ehemaligen Emirs von Katar.

Man habe sich bewusst auf die Mode konzentriert, so die Macher der Ausstellung, und nicht auf die Frage, ob muslimische Kleidung Frauen unterdrückt. Möglicherweise wollten sie auch auf Nummer sicher gehen, da sie nach der Ausstellungsankündigung im September 2016 zum Teil heftig angegangen wurden. "Wir feiern hier nicht die weibliche Unterdrückung, wie von manchen kritisiert, sondern die Mode, die für etwa zwei Milliarden Menschen eine Rolle spielt", sagte Jill D'Alessandro, die Kuratorin. Genau das ist dann auch die Stärke der Ausstellung: Es geht um Mode und nicht um das ewige Kopftuch, auf das man sich gerade in Europa so gerne konzentriert. Vielmehr wird Frauen die Fähigkeit zugestanden, selbst zu entscheiden, wie sie sich kleiden möchten (so wie den Halbnackten auch). Wohlwissend, dass das nicht für alle Musliminnen gilt.

Die Diskussion wirkt besonders absurd, wenn man sich die gut gelaunten Bilder der Mipster (muslimische Hipster) in den sozialen Medien ansieht. Dort werden nicht nur neue Stylingtipps gepostet, die den üblichen Instagram-Posts optisch in nichts nachstehen. Die Frauen sprechen einander auch Mut zu. "Mir haben Kundinnen erzählt, dass rassistische Anfeindungen an ihnen abprallen, wenn sie meine Sachen tragen", sagt Meriem Lebdiri. Kleidung als Rüstung und Rüstzeug - mehr kann Mode nicht leisten.

Source : https://www.sueddeutsche.de/stil/mehr-als-nur-kopftuch-huelle-in-fuelle-1.4182425

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